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turmlaute.2: Wachturm
Audio | Video | Installation | Organisation | Interaktion | Website
2007 / 2015

> Erdgeschoss: Empfang/Registrierung European Border Watch Organisation
> 1.Stock: visueller Showroom mit 6 Schießscharten-Screens, Liege und Telefon
> 2.Stock: interaktiver Kontrollraum mit Überwachungstechnik und Lautsprecher/ Stimme


www.europeanborderwatch.org
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Das Projekt besteht aus mehreren medialen Ebenen: einer interaktiven Klanginstallation, einer interaktiven Videoinstallation, einer Performance/Organisation und einer Website. Spielort war ein DDR-Grenzwachturm an der ehem. Mauer in Berlin-Treptow, der in seiner ursprünglichen Funktion reaktiviert bzw. auf die neuesten Überwachungsmethoden des 21. Jhdts. hin eingerichtet wurde. Hintergrund ist ein Testlauf vom November 2006 in Texas, wo auf Initiative des Gouverneurs Rick Perry an einem kurzen Teilstück des US-mexikanischen Grenzzauns Webcams aufgestellt wurden, deren Bilder weltweit von jedermann abrufbar waren.

Who's guarding the border? It's you — via webcam
Die Testphase an der US-mexikanischen Grenze verlief nach eigenen Angaben erfolgreich. Laut Veröffentlichung der www.texasborderwatch.com gab es während des einmonatigen Versuchverlaufs „more than 200,000 viewers subscribed to the site, and more than 25 million hits were recorded, generating more than 13,000 emails”. Web User, die einen Illegalen beim Grenzübertritt entdeckten, konnten unmittelbar die Behörden informieren “by telephoning a number free of charge“.

Entsprechend des texanischen Vorbildes wurde die European Border Watch Organisation (EUBW) gegründet und ihre Rekrutierungszentrale in dem Berliner Grenzwachturm eingerichtet. EU-Bürger konnten sich hier als Web-Patrols registrieren lassen, um via Internet an der umfassenden Überwachung der EU-Aussengrenzen aktiv teilzunehmen. Im Erdgeschoss fand die Registrierung statt – blaue EU-Flaggen am Eingang erzeugten hier eine „offizielle“ Atmosphäre - , im ersten Stock befand sich der visuelle Showroom der EUBW mit einer Soldatenliege und einem alten Telefon, im zweiten der interaktive Kontrollraum, in dem interaktive Überwachungstechnik aufgebaut war.

Visueller Showroom

Der visuelle Showroom im ersten Stock besitzt nur schmale
Schießscharten als Fensteröffnungen, von denen sechs für die Installation in Bildschirmfenster umgewandelt wurden. Auf ihnen waren Webcam-Bilder von vorgeblichen Grenzverläufen zu sehen - Wüste, Meer, Wald: der Grenzfluß Bug zwischen Polen und der Ukraine, ein Blick in die Karpaten, ein Nachtbild an der Grenze zu Moldawien, ein Meeresstrand zwischen den Kanarischen Inseln und Nordwestafrika und ein Webcam-Bild der US-Mexikanischen Grenze – das einzig reale Grenzbild – vorgeblich von der Partnerorgansiation Texas Border Watch. Allerdings waren in die Videostreams kleine Bildstörungen eingebaut, wofür für jede „Webcam“ eine eigene Störqualität erfunden wurde.

Die Videobilder wurden unterbrochen von einem Trailer der EUBW, mit Logo und Demonstration der hauseigenen Überwachungssoftware WEP 2.0, die es vorgeblich ermöglicht, via Satellit direkt in einen Grenzabschnitt der europäischen Außengrenzen hineinzuzoomen, unter Angabe der genauen Koordinaten. Bei der sechsten Schießscharte zum Park im ehemaligen Mauerstreifen wurde dasselbe „Verfahren“ angewandt: mittels Satellit und Google-Earth wurde jedoch auf Berlin und den konkreten Wachturm hineingezoomt, wo am Ende dann auf die Überwachungskamera im 2.Stock so umgeschaltet wurde, so dass der Blick von oben hier live auf dem Bildschirm zu sehen war.

Interaktiver Kontrollraum

Im akustischen Controlroom im zweiten Stock wurde ein stehendes akustisches Feld erzeugt. Der Klang hatte seine Basis aus einer Aufnahme der Eigenschwingung des Betonturms. Der permanente Klang entsprach der Permanenz der Überwachung und veränderte sich als Drone nur langsam über die Installationszeit im Sinne einer „interaktiven Variation“ . Das Feld wurde von aussen über einen Lasersensor und eine Über-wachungskamera modifiziert, die auf „Störfälle“ – also Bewegungen von unbeteiligten Passanten oder des Autoverkehrs in der Umgebung des Turms - reagierten.

Durchschritt ein Passant die mittlere Überwachungszone, tauchte zusätzlich eine Stimme aus dem zentral in Kopfhöhe hängenden Hornlaut-sprecher auf. Die Satzfetzen stammten aus einem Interview mit einem Grenzsoldaten, der in diesem Turm zu DDR-Zeiten seinen Wehrdienst abgeleistet hat und nach über 18 Jahren erzählte, wie sie gearbeitet haben und welche besonderen Vorkommnisse sie hatten „..ja, eindeutig“, „..also was wir gemacht hatten, das waren solche Drähte, das waren Selbstschussanlagen, aber das waren keine tödlichen..“, „aber irgendwie ist die Frau wohl, - die hats nicht geschafft“.
Der zweite Stock besitzt durchgehende Fenster, die mit einer grün-transparenten Folie überzogen worden waren. Dadurch erschienen innen alle Farben verändert, die eigene Gesichtsfarbe wurde bleich-grün, und alle Kontraste wurden seltsam abgeschwächt. Zugleich wurde der Blick nach draussen ins Grün wie bei militärischen Nachtsichtgeräten gefärbt.

Öffentlichkeitsstrategie

Über eine äußerst seriös anmutende Website www.europeanborderwatch.org sowie elektronische und schriftliche Einladungen wurden die EU-Bürger aufgefordert, aktiv die Überwachung der europäischen Aussengrenzen zu übernehmen: Be a web patrol. Save your border. Dazu wurde eine Einladung an die Presse und übers Internet verschickt zur Eröffnung der Berliner Registrierungszentrale. Die Reaktionen per Antwort-Mail oder über das Feedback-Formular der Website wurden gesammelt und in ein Kommentarbuch eingeklebt, das im Turm auslag. Auf die vielen empörten bis entsetzen Kommentare wurde geantwortet; bei Registrierungen als Web-Patrol über die Website wurde ein Registrierungscode zugesandt mit der Mitteilung, dass demnächst der Start der „ersten europaweiten Grenzüberwachung durch EU-Bürger“ erfolge.

Für die Besucher vor Ort gab es eine eigene Führungsdramaturgie mit Empfang am Eingang im Namen der European Border Watch und der Aushändigung eines grünen Infoblatts mit rückseitiger Web-Patrol-Anmeldung. Im Video-Showroom trat George Klein als Guide der EUBW auf und erklärte den Besuchern das Sat-Webcam-System und die Ziele der Organisation mit der Aufforderung, teilzunehmen und sich für ein Überwachungsgebiet zu entscheiden: z.B. Atlantik (Afrika|Kanaren) oder Ostgrenze B (Ungarn/Polen| Ukraine). Nachdem die Besucher dann noch den akustischen Controlroom besichtigten, wurde ihnen im Erdgeschoss das Kommentarbuch zur Lektüre empfohlen.

Das mediale Gesamtkunstwerk mit seinem politischen Fake hatte einen sehr großen Zulauf und sorgte bei Presse und Öffentlichkeit für erhebliche Irritation und gute Resonanz. Nicht nur in Zeitungsartikeln und im Rundfunk wurde umgehend berichtet, auch in der Blogosphäre gab es zahlreiche Diskussionen.
2014 wurde eine neue Version für das European Media Art Festival (EMAF) in Osnabrück installiert und wurde mit dem Dialogpreis des Auswärtigen Amts ausgezeichnet.

Intern. Festival MaerzMusik
Im Grenzwachturm
Schlesischer Busch
Berlin Kreuzberg-Treptow

15.März - 15.Apr. 2007

In Kooperation mit Berliner Festspiele und Kunstfabrik am Flutgraben, Kulturamt Treptow Berlin
maerzmusik 07

L’art au Garage
Rue des Lilas, Paris
12.Nov. – 30.Dez. 2009


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