georg klein
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Ortsklang Marl Mitte.
blaues blach.
Viel Kunst. Wenig Arbeit.

2002
Klang-Licht-Installation
am Bahnhof Marl Mitte (NRW)
Sprecher/innen: Becko Barjami, Mustafa Emra, Severjan Memeti, Katharina und Sandra Pulina, Helge Salmikau, Monja und Timo Scharnetzki, Kathrin Wolf

12 häng. Hornlautsprecher, 4 Lautspr.,
3 CD-Player, blaues Licht, Blechschild
3 parallele audio-loops: je 22 min.
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Die U-topie ist – nicht nur wörtlich gelesen - der Nicht-Ort. Die Nicht-Existenz eines Ortes ist ein wesentliches Merkmal von Marl. Der Versuch, ihn zu bauen, - wie in Marl Mitte in den 60er/70er Jahren geschehen, um den umgebenden Kleinstädten und Arbeitersiedlungen ein Zentrum, eine City zu geben - ist wiederum ein durchgehender Zug in der menschlichen Zivilisation: ange-fangen beim Traum vom himmlischen Jerusalem bis hin zu den Städtevisionen der letzten hundert Jahre. Der Bahnhof “Marl Mitte” ist überbaut mit einer Betonhalle, die keinerlei Funktion erfüllt: sie dient nicht als Wartehalle, weil die Wartenden alle unten am Bahnsteig stehen, es findet kein Fahrkarten-verkauf dort statt, es gibt keine Informationsmöglichkeiten, die Halle öffnet sich gähnend nach Südwesten und bietet so keinerlei Schutz vor Regen, Sonne, Wind und Schnee. Im Gegenteil: aufgrund der vergitterten Öffnungen in den Seitenwänden zieht es wie in einem Windkanal um so stärker. Es führt auch keine Treppe von hier hinunter, da diese neben der Halle in einem eigenen Treppenhaus untergebracht ist. Die einzige Funktion dieses Baus ist eine tautologische: er trägt die Aufschrift "Bahnhof" in riesigen Lettern. Als ein funktionsloser, transitorischer Raum bietet er sich gerade darum als Freiraum, als Assoziationsraum an, jedoch mit ambivalenten Aspekten: er ist auch eine Höhle, von der aus man nach draussen blickt - oft nur durch eine Vergitterung.

Nicht nur die Bahnstation “Marl Mitte”, auch ihre Umgebung ist gezeichnet von einer städtischen Trostlosigkeit, wie sie Suburbans und Trabantenstädten in der Moderne eigen ist. Und im Kontrast zum ehemaligen Reichtum der Stadt (Bergbau/ Chemie), der sich eben auch in seinen Kunstschätzen im nahegelegenen Skulpturenpark zeigt, stellt sich der Niedergang um so schmerzlicher dar. “Viel Kunst, wenig Arbeit”, ist in Gesprächen zu hören, und Wegzuziehen ist eine oft genannte Alternative. Marl zu verlassen, um abends etwas zu unternehmen, ist längst die Praxis. Der Bahnhofsplatz mit den Bus- und Bahnverkehr ist so insbesondere für Jugendliche ohne Auto ein entscheidender Ort: von hier kommt man weg.

Das Klangmaterial wurde ausschließlich aus diesem Ort gewonnen, der Bahnhofsstation selbst. Zum einen aus dem Klang der Gitterstäbe in den Seitenwänden, die hier in zwei Längen – Tonlagen – vorhanden sind (tiefer Gitterton F und mittelhoher Gitterton f’ + a’), die mit 4 räumlich verteilten Lautsprechern und 2 Subwoofern in der Betonhalle den klanglichen Hintergrund bildeten. Zum anderen Graffiti-Sprüche aus den Wartehäus-chen auf dem Bahnsteig, in denen die Konflikte des Ortes auf lakonische Art und Weise unverblümt zur Sprache kommen: Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Linken, Ausländern und Deutschen, Erwachsenen und Jugendlichen, zwischen Liebeserklärung und –verzweiflung, Zukunftslosigkeit und Sonnenscheinoptimismus. „Suakraz, du bist der Beste.“ „Kranke Jugend. Leben in ihr eigenen Dreck. Schweine.“ „ Liebe Geli, liebe Vanni. Ich hoffe, ihr verzeiht mir! Ich habe euch ganz doll lieb!“ „Das Leben ist hart + ungerecht“ „Türken White power is the Best of Marl!“ „Love is a name. Sex is a game. Forget the name, and play the game“ „Schmückt mit Nazi-Köpfen die Tore eurer Stadt“ „Ich hasse euch rechten Schweine!!! - und ich hasse dich, du linkes Blach!“ Diese Sprüche wurden gesammelt, von Marler Jugendlichen auf Band gesprochen und zu einem Stimmen-Chor arrangiert, der aus 12 von der Decke herunterhängenden Hornlaut-sprechern ertönte.

Was bisher unbeachtet an den Wänden geschrieben stand, bekam nun eine unmittelbare, akustische Präsenz für die vorbeiziehenden Passanten. Dabei entstand mittels 3 zeitversetzt spielenden CD-Playern ein immer wieder neues Stimmen-Gitterton-Arrangement. In der Nacht wurde der Innenraum in einem utopischen Blau angeleuchtet, so dass die Verwandlung des Bahnhofs von weit her wahrgenommen werden konnte. Eine Plakatwand an der Seite der Halle wurde angemietet und bot bis auf den Titel eine freie, weiße Fläche, so dass ein öffentlicher Kommentierungs-prozess für den Installationszeitraum in Gang kam, zugespitzt durch ein an der Rückwand der Halle angebrachtes Blechschild mit dem Schriftzug: Viel Kunst.Wenig Arbeit.
Skulpturenmuseum Marl
3.Sept - 1.Dez 2002

Deutscher Klangkunstpreis 2002
Mit Unterstützung des Skulpturenmuseums Marl
(Uwe Rüth)
der Deutschen Bahn AG
und der Werbegesellschaft Hellweg

Marl Skulpturenmuseum

Deutsche Bahn
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